Auf dem europäischen Fernwanderweg vom Gasthof Edelweiss Richtung Langfenn am Salten sind zwölf Sagen aus der Umgebung von Jenesien dargestellt. Parkmöglichkeiten gibt es am Sportplatz von Jenesien. Sie folgen dann dem Wanderweg E in Richtung Salten.
Gestaltet wurden die Sagen von den insgesamt 132 Schülern und Schülerinnen der Grundschule Jenesien.
Das Sagenbuch ist im Tourismusverein von Jenesien zum Preis von 14,00 € erhältlich.
Der endlose Knäuel
Eine der Jungfrauen von der Lecklahn, die bei einem Bauern im Dienste gestanden war und nun wieder zurück in die Lecklahn musste, gab der Bäuerin zum Abschied einen Wollknäuel und sagte dazu: „Weil Ihr mich immer so gut behandelt habt, will ich Euch diesen Knäuel da lassen. Aber fragt nie nach seinem Ende!“
Und war fort. Die Bäuerin hielt sich an diesen merkwürdigen Auftrag und hatte Tag um Tag und Jahr um Jahr immer Wolle. Denn der Knäuel war endlos. Als aber einmal eine Näherin auf der Stör war und verwundert fragte: „Hat denn der Knäuel da überhaupt kein Ende?“ und ihn neugierig abzuwickeln begann, da hielt sie auf einmal das Ende des Fadens in der Hand. Und eben in diesem Augenblick klopfte eine unsichtbare Hand an das Fenster der Stube und ließ sich draußen eine fremde Stimme klagend vernehmen.
Die versunkene Stadt
Früher stand auf den Langfener- Wiesen eine große, mächtige Stadt.
Die Bewohner waren sehr boshafte Menschen. Sie führten ein lasterhaftes Leben und hielten sich nicht an die Gebote Gottes.
Sie waren sehr geizig und gaben den Armen nichts.
Eines Tages versank diese Stadt mit allen Bewohnern und allen Tieren im Erdboden. Heute ist dort nur noch eine sumpfige Vertiefung zu sehen.
Die Butterhexe von Afing
Hoch oben auf dem Salten, nahe der alten Siedlung Afing, sah Katis Hof wie ein Spielzeug aus. Es war ein kleiner Bauernhof, aber gut und sauber gehalten. Neben dem Wohnhaus stand der Stall mit zwei braunen Kühen und einem alten Strohdach. In der Stube und im Stall hielt die Kati strenge Ordnung und Reinlichkeit: niemand kam ihr darin gleich.
Viele Jahre waren vergangen, seitdem die Kati mit ihrem jugendfrischen Gesicht und ihren straffen schwarzen Zöpfen als Braut in den Afinger Hof eingezogen war. Allmählich waren ihre Zöpfe gebleicht, das Gesicht von tiefen Furchen durchzogen, aber die Kati schaffte noch immer unermüdlich in der Küche und im Stall. In ihrem Hof herrschte ein gewisser Wohlstand.
Im Dorf wurde allerdings ziemlich viel über die Kati geschwatzt. Sie sei geizig, und noch vieles mehr…
Zweimal im Jahr kam der Störschneider in den Hof, um die Anzüge des Bauern und seiner Söhne auszubessern. Er kam nicht ungern, die Bäuerin behandelte ihn gut und bezahlte seine Rechnung ohne zu knausern.
Wenn der Schneider seine Arbeit begann, verwandelte sich die Stube in einen Handwerkerladen: alte Jacken und Hosen und Lodenmäntel häuften sich überall auf. Der Störschneider wählte die besseren Stücke, schnitt, flickte, nähte mit flinken Händen. Die Kuckucksuhr schlug die Stunden dazu.
In der Stubenecke war die Kati gerade beim Butterschlegeln. Sie wandte dem Störschneider die Schultern und flüsterte geheimnisvolle Worte vor sich hin. Der Schneider lauschte auf. Da hörte er, wie die Kati ganz deutlich sprach: „Nie weniger als dreißig, nie weniger als dreißig!“ Was mochte dieser Spruch wohl bedeuten?
Und als die Bäuerin mit ihrer Arbeit fertig war, brachte sie einen schönen Butterknollen aus dem Kübel hervor, der schätzungsweise nicht weniger als dreißig Pfund wog.
Der Störschneider wunderte sich nicht wenig darüber. Wie konnte so was nur möglich sein, wenn im Stall nur zwei Kühe standen? Dabei stimmte wohl etwas nicht. Und der Schneider, der selbst recht arm war, aber gar nicht dumm, wollte sich auch gerne bereichern.
Am nächsten Tag beobachtete er die Bäuerin genau. Wieder schlug sie Butter, und sprach dabei die geheimnisvollen Worte: „Nie weniger als dreißig, nie weniger als dreißig!“ Und als sie mit ihrer Arbeit fertig war, siehe da, holte sie wieder dreißig Pfund Butter aus ihrem Kübel.
Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu, dachte der Störschneider. Nach Beendigung seiner Arbeit entwendete er den Butterkübel und verschwand aus dem Bauernhof.
Daheim versuchte auch der Schneider sein Glück. Angst und Neugier plagten ihn. Er schüttete Milch in den Kübel und sprach die Zauberworte, die er nicht vergessen hatte: „Nie weniger als dreißig, nie weniger als dreißig!“
Tatsächlich ergab der Kübel einen Butterknollen von dreißig Pfund. Der Schneider freute sich über den unverhofften Gewinn, machte sich daran, die Butter zu verkaufen und damit reich zu werden.
Da erschien eines Tages ein altertümlich gekleidetes Männlein in der bescheidenen Schneiderbude. Es grüßte den Meister gar freundlich und erkundigte sich dann: „Hast du heute wieder gute Butter geschlegelt, Freund?“ Und ohne auf eine Antwort zu warten, fügte es hinzu: „Wenn du den Butterkübel behalten willst, dann schreibe deinen Namen in dieses Büchlein!“ Als der Schneider das Büchlein besah, fand er darin auch den Namen der Kati und verstand, dass sie mit dem Teufel im Bunde stand.
Er verweigerte seine Unterschrift, auch als das Männlein in Wut geriet und schrecklich schimpfte und fluchte und schließlich doch verschwand.
Von diesem Augenblick an hatte der Butterkübel keine Zauberkraft mehr. Der Schneider schlich sich eines Nachts an den Hof der Kati und stellte ihr den Kübel wieder zurück. Von nun an begnügte er sich mit dem Ertrag seiner bescheidenen, aber redlichen Arbeit. Bei der Kati ließ er sich allerdings nie mehr blicken.
Der ausgezahlte Geist
Beim Bauer N. in Afing war in alten Zeiten ein freundlicher Geist, der mit Rat und Tat diente. Wenn eine Arbeit zu Hause oder auf dem Feld getan werden sollte, richtete der Geist in der Nacht das Werkzeug her. Sollte gemäht werden, dengelte er die ganze Nacht durch, sollte geackert werden, zog er den Pflug hervor. Auch hörte man oft Praxen und Raggaun schleifen oder das Fuhrwerk herrichten...
Wie die Burg Greifenstein zu ihrem Namen kam
Der Name der Burg soll von einem Vogel Greif herrühren, den in alter Zeit die Ritter auf dem Schlosse hielten. Das Untier hatte gewaltige Flügel, die einen ganzen Acker überschatteten sowie Krallen, stärker und schärfer als Eisen und Stahl. Mit seinem Schnabel knickte der Vogel dicke Eisenstangen wie Strohhalme. Dieser wilde Vogel wurde von den Rittern zum Raub abgerichtet, schoss von der Burg ins Tal nieder, sobald sich ein Fuhrmann mit seinem Wagen nahte, ergriff mit seinen Klauen Ross und Wagen und trug seine Beute durch die Luft in die Burg.
Vögel bestimmen den Bauplatz der Kirche von Jenesien
Nicht weit oberhalb des Platzes, wo heute die Kirche von Jenesien steht, befindet sich der Thurnerhof. Dort sieht man heute noch auf einem Felsen einen alten Turm. Auf diesem Felsen wollte man ursprünglich die Kirche und den Turm bauen.
Zuerst hoben die Mauerer die Baugrube aus, aber da verletzte sich einer.
Auch beim Bauen der Mauern oder beim Zuschlagen der Balken, gab es immer wieder Verletzte.
Nach jedem Unglück kamen die Vögel des Himmels und trugen kleine Steinchen und Holzspäne, die mit Blut bespritzt waren, auf den darunter liegenden Hügel.
Endlich verstanden die Menschen, dass dies ein Fingerzeig Gottes war und dass sie den falschen Platz für den Bau der Kirche ausgesucht hatten.
Sie kamen der Mahnung Gottes nach und begannen nun dort mit dem Bau der Kirche.
Von diesem Tag an hatten auch die Unglücksfälle ein Ende.
Die verliebte Fee vom Maier in Glaning
In Glaning bei Bozen verliebte sich eine Fee in den jungen Maierbauern und wurde auch seine Frau. Die beiden liebten einander zärtlich und waren sehr glücklich miteinander. Und die Fee war stolz darauf, ganz einfach Maierbäuerin genannt zu werden. Sie hatte Segen in den Hof gebracht, die Ernte fiel reichlich aus, das Vieh gedieh. Sie gebar dem Bauern auch Kinder und war ihnen eine liebevolle Mutter.
Der Bauer drängte jedoch darauf, den Namen seiner Frau zu erfahren. Sie versuchte, ihn davon abzulenken und sagte ihm, wenn er es erfahren wolle, müsse sie ihn für immer verlassen. Der Bauer lachte über diesen Aberglauben, wie es ihm schien. Endlich gab die Fee dem Drängen ihres Mannes nach und nannte ihren Namen. Dabei weinte sie, und zur gleichen Stunde musste sie für immer in ihr Feenreich zurückkehren.
Nur an Sonn- und Feiertagen kam die Fee auf den Maierhof zurück; sie wusch und kämmte und liebkoste ihre Kinder, war aber für niemand anderen sichtbar, auch nicht für ihren Ehemann, der jedes Mal anwesend war und sie noch immer zärtlich liebte.
Der Drache von Schloss Rafenstein
Ein Sarner Bote, der einstmals, als der Weg von Bozen ins Sarntal noch über den Berg führte, beim Rafensteiner-Schloss rastete, erblickte eine wunderschöne Frau, die ihn freundlich grüßte und zu ihm sprach: „Du kannst dein und mein Glück machen, wenn du morgen um Mitternacht wiederkommst. Ich werde in Gestalt eines Drachen erscheinen. Wenn du dich dann nicht fürchtest und mich dreimal umarmst, so bin ich erlöst und das Schloss samt allen seinen Schätzen ist dein.“ Dem Sarner ging die Erscheinung nicht mehr aus dem Sinn. Er klopfte im Bozner Franziskaner-Kloster an und suchte bei einem frommen Pater Rat. Der Ordensmann trug ihm auf, sich zur besagten Stunde in Rafenstein einzufinden, um das Burg-Fräulein zu erlösen. Zum Schutze gegen böse Geister gab der Pater dem Burschen ein geweihtes Kreuzlein mit. Richtig stieg der Sarner am nächsten Tage zum Schloss hinauf und erwartete betend die Mitternachtsstunde. Kaum hatte die Uhr des Stadtturmes zwölf geschlagen, erscholl in der Burg ein schreckliches Getöse, ein furchtbarer Drache sprang feuersprühend daher. Wohl packte den Sarner die Angst, er ermannte sich aber, nahm das Kreuzlein in die Hand und umarmte das Untier zweimal. Vor der dritten Liebkosung graute dem armen Kerl aber derart, dass er sich abwandte und einen lauten Schrei ausstieß. Im gleichen Augenblick war der Drache verschwunden, aus den Ruinen ertönte klagendes Jammern und ein klingendes Geräusch, als ob unzählige Gold- und Silbermünzen in die Tiefe kollerten. Der Sarner, der sein Glück verscherzt und die Frau nicht erlöst hatte, schlich sich tiefbekümmert heim und ward seines Lebens nie mehr recht froh.
Der Stangenputzer
Spätabends noch kam beim Bauern L. in Flaas ein Fremder an und bat um ein Nachtlager. Er war ein kräftiger Bursche mit scharfmarkiertem Gesicht, stattlicher Kleidung und verschmitztem Dreinschauen. Auf dem Rücken trug er einen großen, hellen Ranzen. Die Mägde hatten an diesem Tag große Wäsche gehabt. Wegen des lauen Wetters hatte man alles auf den Stangen und Seilen zum Trocknen über Nacht hängen lassen. An Diebe dachte in dieser einsamen Bergwelt sowieso niemand.
Der Neuankömmling wurde nun beim gemütlichen Plausch in der großen Stube nach seinem Berufe gefragt. Da gab er zur Antwort, dass er das Stangenputzergewerbe betreibe; ein einträgliches, aber recht gefährliches Geschäft, wie er bedeutete. So richtig eine Vorstellung von dem eigenartigen Beruf konnte sich niemand machen. Erst am nächsten Tag in der Frühe, als der Fremde die Wäsche von den Stangen geputzt hatte und damit verschwunden war, ging allen ein Licht auf, welchem Handwerk der fremde Bursche nachging.
Der zerkratzte Mäher
Als einst spät in der Nacht ein Mäher vom Salten herunter heimkehrte, bemerkte er eine früher nie gesehene, große Schupfe, in der es toll und voll herging. Schöne Frauen tanzten bei Sang und Klang, während andere an Kaltem und Warmem sich gütlich taten.
Da er ein lustiger Kauz war, machte er bei der Schupfe halt und hielt bei Tanz und Gelage ehrlich mit. Als er müde war, nahm er Nachtquartier und schlief ein.
Als er aber frühmorgens erwachte, lag er, jämmerlich am ganzen Leibe zerkratzt, auf einem Misthaufen. Die Schupfe war verschwunden.